Kapitel 1
„Dieser verdammt Planet!“ Seit über vier Wochen versuchte sie jetzt schon irgendwie Anschluss an die lokale Bevölkerung zu bekommen. Aber das erwies sich als schwieriger als sie ursprünglich angenommen hatte. Ihre Aufträge waren nie einfach. Es erfordert immer viel Anpassungs- und Einfühlungsvermögen auch nur ein wenig Einblick in eine fremde Kultur zu bekommen. Üblicherweise waren die optischen Unterschiede das größte Problem. Aber wenn man sich einmal aneinander gewöhnt hatte war der Rest nahezu Routine. Nun, sie hatte diesen Planeten angenommen, weil er eine Herausforderung darstellte. Außer zu ein paar offiziellen Vertretern der lokalen Regierung hatte kein Mensch je Kontakt zu einem der Einheimischen gehabt. Nicht, dass es niemand versucht hätte, aber die Bewohner von 38 Lyncis 4 erwiesen sich als besonders „kontaktresistent“.
Die Sprache zu lernen war nur die eine Sache gewesen. Schwierig genug aber schließlich war sie darauf trainiert. Inzwischen waren es 43 verschiedene Sprachen von denen nur 8 auf der Erde gesprochen wurden. Diese war nicht so anders. Natürlich würde sie immer einen Akzent behalten – dafür waren die physiologischen Unterschiede einfach zu groß – aber alle verfügbaren Informationen hatte sie verinnerlicht. Auch in der Praxis hatten sich Ihre Kenntnisse bereits bewährt. Schließlich war es ja nicht so, dass niemand hier mir ihr sprechen würden. Sie hatte ja nicht nur eine Unterkunft gefunden sondern, sehr zur Überraschung des Wirts, sogar erfolgreich um den Preis gefeilscht. Aber alle „Gespräche“ beschränkten sich auf das absolut notwendige Maß. Und irgendwelche nützlichen Informationen hatte sie so noch nicht bekommen. Im Klartext hieß das: Vier Wochen ohne auch nur den kleinsten Erfolg.
Sie saß, wie eigentlich jeden Abend der letzten Wochen, in dem kleinen Pub in der Nähe des Raumhafens. Hier waren zumindest der Wirt und seine angestellten den gelegentlichen Anblick von Menschen gewohnt. Sie brauchte schon nicht mehr zu bestellen. Wenn sie sich an ihren Tisch in der kleinen Nische am Ende des Lokals setzte bekam sie shcon ganz automatisch ihr erstes Bier. Nunja, wenn man das Gebräu in dem Glas vor ihr „Bier“ nennen wollte. Aber es war die beste Entsprechung die sie hatte finden können. Auch wenn die berauschende Wirkung ausblieb. Sie war schon froh, dass die Biochemie der lokalen Einwohner sich nicht all zu sehr von der ihren unterschied. Wobei das nicht für die Geschmacks-Nerven zu gelten schien. Es gab schlimmeres. Sie würde nie ihr erstes Erlebnis dieser Art vergessen: Die Einwohner waren in nahezu jeder Hinsicht ihr selbst sehr ähnlich gewesen. Das Aussehen, Seh- und Hör-Spektrum, Anforderungen an Temperatur, Luftdruck, Luftzusammensetzung, Schwerkraft, und so weiter. Und dann hatte sie den Fehler begangen, diese Ähnlichkeit auch auf das Essen aus zu dehnen. Der Geschmack war nur ein klein wenig Merkwürdig gewesen. Die Nachwirkungen dafür nahezu fatal. Vier Tage im Krankenhaus unter Einwirkung eines Nervengifts, das sie beinahe umgebracht hatte, bis sie wieder bei Bewusstsein war und weitere zwei Wochen um sich wieder einigermaßen zu erholen. Nun, jeder zahlte sein Lehrgeld.
Sie nippte an ihrem Bier und fluchte nochmal leise vor sich hin. Die blichen Besucher heute. Einheimische, kein einziger Mensch. Die üblichen Gespräche über die lokale Politik, das Wetter, die Ernten,… Nichts besonderes. Ein paar Einzelgänger von außerhalb der Stadt an der Theke und vereinzelt an Tischen.
Und er schon wieder. Sie war sich nicht ganz sicher. Weder was das Geschlecht anging – das war eine der Schwierigkeiten hier: die Unterschiede zwischen Männern und Frauen waren wohl vorhanden, aber meist, wenn überhaupt, zumindest für sie nur sehr schwer zu erkennen – noch ob er sie wirklich beobachtete. Immer wieder hatte sie das Gefühl, von irgendwo her beobachtet zu werden und gelegentlich meinte sie, aus den Augenwinkeln eine Bewegung aus seiner Richtung wahr zu nehmen.
Im Prinzip war es ihr ja egal. Es war nur ein sehr untypisches Verhalten. Die Meisten ignorierten sie einfach, nachdem sie ihre anfängliche Neugier durch mehr oder minder intensives Anstarren gestillt hatten. Er war anders.